Das „Abendlied“ von Matthias Claudius

 

Besser bekannt unter dem Titel „Der Mond ist aufgegangen“ ist das „Abendlied“ von Matthias Claudius den meisten von uns ein Begriff, und es gibt es wohl kaum jemanden, der nicht zumindest die erste Strophe davon singen kann. Weniger populär sind dagegen die anderen sechs Strophen, doch sind sie keinesfalls weniger interessant und reizvoll.

Claudius, der am 15. August 1740 in Reinfeld als Sohn eines Pastors geboren wurde, studierte zuerst einige Semester Theologie, entdeckte dann aber eine stärkere Vorliebe für das geschriebene Wort und fand seine berufliche Erfüllung schließlich als Journalist und Dichter. Man sagt ihm nach, er sei ein besonders liebevoller und engagierter Ehemann und Vater gewesen, mit seiner Frau Anna Rebekka hatte er zwölf Kinder. Claudius starb am 21. Januar 1815 nach schwerer Krankheit.

Mit dem Titel „Abendlied“ überschreibt Matthias Claudius den ursprünglich als Gedicht verfassten Text und ordnet ihn damit gleichzeitig einer Gattung zu. Diese war zur Reformationszeit im Bereich der geistlichen Gesänge aufgekommen und beinhaltete typische Elemente wie zum Beispiel die Furcht vor der Nacht, eine oft metaphorisch zu sehende Beschreibung der Natur und Andachtscharakter. Andere bekannte Vertreter dieser Gattung sind „Der schnelle Tag ist hin“ von Andreas Gryphius oder „Nun ruhen alle Wälder“ von Paul Gerhardt. An letzterem hat sich Claudius stark angelehnt und einige Stellen davon adaptiert, weshalb das „Abendlied“ auch als Fortführung oder Aktualisierung desselben angesehen werden kann; einzelne Sätze und Inhalte wurden sowohl wörtlich als auch thematisch übernommen.

In den ersten beiden Strophen wird die Natur zur hereinbrechenden Nacht beschrieben. Diese Stimmung ist aber nicht metaphorisch gemeint, sondern als reale Sicht des Betrachters zu verstehen. Damit grenzt sich Claudius von typischen Elementen der Gattung Abendlied ab. Die Dämmerung ist für den Autor nichts beängstigendes, sondern verkörpert Ruhe und Geborgenheit:

1. Der Mond ist aufgegangen, / Die goldnen Sternlein prangen / Am Himmel hell und klar; / Der Wald steht schwarz und schweiget, / Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar.

2. Wie ist die Welt so stille, / Und in der Dämmrung Hülle / So traulich und so hold! / Als eine stille Kammer, / Wo ihr des Tages Jammer / Verschlafen und vergessen sollt.

Die tiefe Religiosität des Autors und damit verbunden die Ablehnung des Weltverständnisses der Aufklärung zeigt sich in der dritten Strophe. Claudius warnt hier davor, nicht nur das zu glauben, was man sieht. Anhand des Vergleichs mit dem Mond, der nur halb zu sehen ist, soll er seinen Kindern den Glaubensbegriff erklärt haben:

3. Seht ihr den Mond dort stehen? / Er ist nur halb zu sehen, / Und ist doch rund und schön! / So sind wohl manche Sachen, / Die wir getrost belachen, / Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Mit der Kritik am aufklärerischen Zeitgeist geht es in der vierten Strophe weiter. Zusätzlich reflektiert der Dichter das Verhalten von „uns“ als Gesamtheit der Menschen. Überzeugt von der Ratio und über Irrationales erhaben entfernt sich der Mensch vom eigentlichen Sinn:

4. Wir stolze Menschenkinder / Sind eitel arme Sünder / Und wissen gar nicht viel; / Wir spinnen Luftgespinste / Und suchen viele Künste / Und kommen weiter von dem Ziel.

Die letzten drei Strophen sind in Form eines Gebetes verfasst und beginnen mit der direkten Ansprache an Gott. Als Kind der Reformationszeit und als tieffrommer Mensch zeigt sich in Claudius hier ein Verfechter des kindlich naiven Glaubens. Ganz im Sinne von „Memento mori“ wird in der vorletzten Strophe auf die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins hingewiesen. Matthias Claudius ernannte den Tod zum „Lehrmeister des Lebens“. In einer seiner Schriften heißt es: „Der Tod ist ´n eigener Mann. Er streift den Dingen dieser Welt ihre Regenbogenhaut ab, und schließt das Auge zu Tränen und das Herz zur Nüchternheit auf.“

In der letzten Strophe schließlich fordert der Autor die „Brüder“ auf, sich zur nächtlichen Ruhestätte zu begeben. Als Brüder versteht er hier die Gemeinschaft der Gläubigen. Im metrisch veränderten „Kalt ist der Abendhauch“ zeigt sich nun eine andere Stimmung als zu Beginn des Gedichtes. Wie ein kühler Wind verstreicht das Leben aus dem menschlichen Körper, der Schlaf fungiert als kleiner Bruder des Todes. Der kranke Nachbar am Ende des Textes schließlich holt den Leser wieder in die Realität zurück. Hier wird die Bedrohung durch den Tod greifbar, da sie sich in nächster Nähe abspielt.

5. Gott, laß uns dein Heil schauen, / Auf nichts Vergänglichs trauen, / Nicht Eitelkeit uns freun! / Laß uns einfältig werden, / Und vor dir hier auf Erden / Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

6. Wollst endlich sonder Grämen / Aus dieser Welt uns nehmen / Durch einen sanften Tod! / Und, wenn du uns genommen, / Laß uns in Himmel kommen, / Du unser Herr und unser Gott!

7. So legt euch denn ihr Brüder, / In Gottes Namen nieder; / Kalt ist der Abendhauch. / Verschon uns, Gott! mit Strafen, / Und laß uns ruhig schlafen! / Und unsern kranken Nachbarn auch!

Das „Abendlied“ lässt sich stilistisch keiner Strömung einwandfrei zuordnen. So beinhaltet es pietistische, orthodoxe, reformatorische und sogar aufklärerische Elemente. Claudius´ Gedicht bleibt in der Literaturgeschichte genauso Außenseiter wie sein Urheber. „Den Theologen zu lyrisch und den Litaraten zu fromm“ sei er gewesen. Für Goethe war er „ein Narr […] voller Einfaltsprätensionen“ und für Humboldt sogar „eine völlige Null“. Ungeachtet dessen – der Erfolg seines Werkes gibt Matthias Claudius recht. Und vielleicht lag es gerade an dieser Einzigartigkeit, dass „Der Mond ist aufgegangen“ heute zu den bekanntesten Gedichten und beliebtesten Schlafliedern gehört.

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