Luther und „Vom Himmel hoch“

Gott achtet dich, wenn du arbeitest, aber er liebt dich, wenn du singst.

Dieses Zitat des bengalischen Dichters und Philosophen Rabindranath Tagore mag Martin Luther aus der Seele gesprochen haben. Der berühmte Reformator war selbst ein passionierter Sänger und Musiker – neben seinem Theologiestudium hatte er auch Musik und Kompositionstechnik studiert. Als „die beste Kunst und Übung“ beschrieb er das Singen:

„Es hat nichts zu thun mit der Welt; ist nicht fürm Gericht noch in Hadersachen. Sänger sind auch nicht sorgfältg, sondern sind fröhlich, und schlagen die Sorgen mit Singen aus und hinweg.“

Da wundert es kaum, dass aus der Feder Martin Luthers eines der bekanntesten und beliebtesten Weihnachtslieder stammt: „Es kam ein Engel hell und klar“, besser bekannt unter dem Titel „Vom Himmel hoch da komm ich her“ schrieb Martin Luther im Jahr 1535 anlässlich des Weihnachtsfestes seiner Familie. Er lehnte sich dabei an das folgende, damals sehr bekannte Kranzlied1 an: „Ich kumm aus frembden Landen her / und bring euch vil der neuen mär. / Der neuen mär bring ich so vil, / mer dann ich heut hie sagen will.“ Die Ähnlichkeit zur heutigen Version des Weihnachtsliedes ist mehr als deutlich.

In seiner ursprünglichen Gestalt erhielt „Vom Himmel hoch da komm ich her“ den Titel „Ein Kinderlied / auff die Weihenachten / vom Kindelein Jhesu“. Die von Luther verfassten insgesamt 15 Strophen erzählen die Weihnachtsgeschichte nach Lukas und beginnen direkt mit den Worten des verkündenden Engels. Als Einleitung und für ein besseres Verständnis fügte der Pfarrer und Komponist Valentin Triller zwei Jahrzehnte später noch eine Strophe hinzu, mit der das Lied heute im Gotteslob beginnt.

Um es seinen Kindern einfacher zu machen, den bis dorthin unbekannten Text zu singen, benutzte Luther die eingängige Tonfolge des altbekannten Kranzliedes. Die heute aktuelle Melodie komponierte er erst vier Jahre später in Form eines Chorals2. Auffällig ist die häufige Verwendung des Spitzentons c, mit dem die Tonfolge auch beginnt. Die immer wieder vom höchsten Punkt absteigende Melodie verdeutlicht den Inhalt des Textes: Wie der Engel vom Himmel absteigt, um sich auf die Ebene der Menschen zu begeben, bewegt sich auch die Melodie von hoch nach tief, um schließlich erst ganz am Ende beim Grundton zu landen. Zusätzlich verdeutlicht die Abwärtsbewegung die Geburt Jesu Christi, der als Vertreter Gottes vom Himmel auf die Erde geschickt wird und damit das himmlisch Göttliche mit dem irdisch Menschlichen verbindet. Die Verwendung der Choralform unterstreicht die Bedeutsamkeit des inhaltlichen Geschehnisses und verleiht der Komposition ihren feierlichen Charakter. Dass Luthers Melodie trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Einfachheit großen Anklang fand, zeigt sich auch in ihrer häufigen Rezeption in der Musikgeschichte. Neben Max Reger und Igor Strawinsky bearbeitete auch Johann Sebastian Bach den Choral. In seinem Weihnachts-Oratorium BWV 248 erklingt er insgesamt dreimal, und Bachs „Einige canonische Veränderungen über das Weihnachtslied »Vom Himmel hoch, da komm’ ich her«“ BWV 769 gehört zu den bedeutendsten Werken der kontrapunktischen3 Kompositionskunst. Felix Mendelssohn-Bartholdy erschuf 1831 die große Choralkantate „Vom Himmel hoch“, in der ausschließlich Luthers Textelemente verwendet werden.

Mit „Vom Himmel hoch da komm ich her“ hat Luther ein einzigartiges Werk geschaffen, das seine hingebungsvolle Liebe zur Musik ausdrückt. Die schöne Kunst hat ihre eigene, ganz besondere Wirkung, wovon der Reformator überzeugt war. Nicht umsonst sagte man ihm nach, seine Lieder „haben mehr Seelen verführt als all seine Schriften und Predigten“.

 

Vollständiger Originaltext:

Es kam ein Engel hell und klar
von Gott aufs Feld zur Hirtenschar;
der war gar sehr von Herzen froh
und sprach zu ihnen fröhlich so:

1. Vom Himmel hoch, da komm ich her.
Ich bring’ euch gute neue Mär,
Der guten Mär bring ich so viel,
Davon ich singn und sagen will.

2. Euch ist ein Kindlein heut’ geborn
Von einer Jungfrau auserkorn,
Ein Kindelein, so zart und fein,
Das soll eu’r Freud und Wonne sein.

3. Es ist der Herr Christ, unser Gott,
Der will euch führn aus aller Not,
Er will eu’r Heiland selber sein,
Von allen Sünden machen rein.

4. Er bringt euch alle Seligkeit,
Die Gott der Vater hat bereit,
Daß ihr mit uns im Himmelreich
Sollt leben nun und ewiglich.

5. So merket nun das Zeichen recht:
Die Krippe, Windelein so schlecht,
Da findet ihr das Kind gelegt,
Das alle Welt erhält und trägt.

6. Des laßt uns alle frölich sein
Und mit den Hirten gehn hinein,
Zu sehn, was Gott uns hat beschert,
Mit seinem lieben Sohn verehrt.

7. Merk auf, mein Herz, und sieh dorthin!
Was liegt dort in dem Krippelein?
Wes ist das schöne Kindelein?
Es ist das liebe Jesulein.

8.Sei mir willkommen, edler Gast!
Den Sünder nicht verschmähet hast
Und kommst ins Elend her zu mir,
Wie soll ich immer danken dir?

9. Ach, Herr, du Schöpfer aller Ding,
Wie bist du worden so gering,
Daß du da liegst auf dürrem Gras,
Davon ein Rind und Esel aß!

10. Und wär’ die Welt vielmal so weit,
Von Edelstein und Gold bereit’,
So wär sie doch dir viel zu klein,
Zu sein ein enges Wiegelein.

11. Der Sammet und die Seide dein,
Das ist grob Heu und Windelein,
Darauf du König groß und reich
Herprangst, als wär’s dein Himmelreich.

12. Das hat also gefallen dir,
Die Wahrheit anzuzeigen mir:
Wie aller Welt Macht, Ehr und Gut
Vor dir nichts gilt, nichts hilft noch tut.

13. Ach, mein herzliebes Jesulein,
Mach dir ein rein, sanft Bettelein,
Zu ruhen in meins Herzens Schrein,
Das ich nimmer vergesse dein.

14. Davon ich allzeit fröhlich sei,
Zu springen, singen immer frei
Das rechte Susaninne schon,
Mit Herzenslust den süßen Ton.

15. Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron,
Der uns schenkt seinen ein’gen Sohn.
Des freuen sich der Engel Schar
Und singen uns solch neues Jahr.


Anmerkungen:

1 Kranzlieder waren Lieder, die zumeist bei Sängerwettstreiten improvisiert wurden. Dabei ging es hauptsächlich darum, die Zuhörer mit den spannendsten Neuigkeiten und Skandalen zu beeindrucken. Der Gewinner des Wettkampfes erhielt vom veranstaltenden Fürsten einen Kranz als Preis.

2 Choral bezeichnet hier eine rhythmisch einfache, homophone Melodieführung mit dem Charakter einer Kadenz..

3 Kontrapunkt bezeichnet hier eine Kompositionstechnik, bei der geeignete Gegenstimmen zu einer bestehenden Melodie erschaffen werden, die sowohl harmonisch zusammen passen, als auch in sich eigenständig sind.

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